unionjack_kl_b50

English Version

Andere Darstellungen / Epochen

Mormant 2006

„Ein wahrhaftiger Bericht von Christophorus Fritz - seines Zeichens Grenadier und Companieschreiber im hochwohllöblichen k.k. Inf. Reg. No 56 „Wenzel Graf Colloredo“

                 mormant_2006_119_kl02

Im Februar 1814, wenige Monate nach dem überragenden Sieg über Napoleon bei Leipzig standen allierte Truppen nur noch 50 Kilometer vor Paris. Bei dem Dorf Mormant versammelten sich u. a. russische und österreichische Truppen tief im Feindesland und schickten sich an, in die französische Hauptstadt zu marschieren. Noch einmal ließ jedoch der Kaiser der Franzosen sein Feldherrn-Genie aufblitzen und konnte in einem erbitterten Gefecht die Invasion Paris' für einen Monat hinausschieben.
Für die Colloredo-Grenadiere und weitere ca. 300 Reenactors aus ganz Europa war dieses Gefecht Anlass genug, sich auf den Weg zum Original-Schauplatz zu machen.
Die Anfahrt von Wien aus gestaltete sich bereits als Kraftakt: Fast Nonstop wurden die ca. 1.300 Kilometer bewältigt. Dabei führte die Route über geschichtsträchtige Orte: Verdun, Sedan, Mars-La-Tours, etc.
Obwohl für die Schlachtdarstellung der Mai gewählt wurde, erinnerte das stürmische Wetter, unterbrochen von prasselndem Regen durchaus an die spätwinterlichen Verhältnisse von 1814. Um die Zelte standhaft gegen den Sturm zu verankern, galt es erstmal stabile Zeltpflöcke aus dicken Ästen mit dem Grenadier-Hackl herauszuschlagen. Die Mühe jedenfalls hat sich gelohnt: Die Colloredo-Zelte standen, im Gegensatz zu vielen verwehten anderen Zelten zunächst bombenfest.

                  IMG_4015_kl

Anderntags das erste Gefecht: Mitten in Mormant hatten sich französische Kräfte verschanzt, die vertrieben werden mussten. Unterstützt von der deutsch-russischen Legion, befahl Major Rabenstein zwei Grenadieren, die genaue Lage der feindlichen Kräfte zu sondieren, während der Rest der Kompanie im Geschwindschritt ein Umgehungsmanöver ausführte. Die Taktik war von Erfolg gekrönt: Unter Mithilfe französischer Kollaborateure konnte eine Einheit blutjunger Franzosen, die einem Leichten Infanterie-Regiment angehörten, auf dem Kirchplatz gestellt werden. Nach kurzem, intensiven Gefecht aus nächster Nähe streckten die jungen Franzosen schließlich die Waffen - die Entschlossenheit erfahrener Grenadiere hatte den Feind überrascht!

Die Verluste auf der eigenen Seite waren kaum nennenswert. Einzig Grenadier Wratschko fiel auf einen hinterhältigen Trick der einheimischen Fauna herein. Beim Absetzen der Muskete platzierte er den Kolben in den einzigen Hundshaufen weit und breit und fluchte wie ein Rohrspatz über diese frühe Form der besonders heimtückischen biologisch-chemischen Kriegsführung.

                IMG_4023_kl

Das Lager hatte sich in der Zwischenzeit in einen malerischen Tümpel verwandelt, sehr zum Verdruss des Korporalen Schwab, dessen Zelt vollgelaufen war. Doch mit mit zwei, drei Strohballen konnte das Zelt schnell trockengelegt werden.

Die aufkommende Sonne nutzen die Russen geschwind für ein Grillfeuer. Auch die Colloredos waren eingeladen, ihr von den Franzosen reichlich gestelltes Grillgut auf die Glut zu legen. Schon wollte man sich gesättigt zurückziehen, als ein kräftiger Windstoß die Glut auf das Proviantzelt wehte und in Brand setzte! Doch die Löschversuche der Grenadiere zeigten schnell Erfolg, sodass eine Katastrophe abgewendet werden konnte.

Abends dann, das Wetter hatte sich beruhigt, wurde unser Herr Major Rabenstein zu einer Auszeichnung ins Lager der deutsch-russischen Legion gebeten. An der Zeremonie durften schließlich auch die Gemeinen teilnehmen.

Geplagt von der Sorge, wer die entscheidende Schlacht des nächsten Tages wohl überleben werde, nahmen Grenadiere und Chargen die Einladung gerne an und frönten dem Branntwein und dem Rebensaft, als ob es kein Morgen gäbe. Lieder wurden geschmettert und die russischen Alliierten überraschten mit einem jungen Soldaten, der ein Organ hatte, das besser an der Moskauer Oper aufgehoben wäre als auf dem Schlachtfeld! Sofort fielen die Colloredos in die alte russische Weise ein - obwohl niemand auch nur ein Wort der fremden Sprache verstand.

               IMG_4708_kl

Nie blieb ein Becher ungefüllt und plötzlich stand der Feind im Lager - "bewaffnet" mit Wein, Bier und Schnaps.
Ein kleiner, französischer Tambour, der vortrefflich auch die Fidel beherrschte, spielte zum Tanz auf! Österreicher, Russen und Franzosen fanden sich eingehakt wieder und hüpften in schönster Eintracht auf dem matschigen Rasen. Sogar Napoleon selbst, dargestellt von Marc Schneider, gab sich die Ehre und tanzte Polka!

Viel zu früh am Morgen dann ertönten die Alarmtrommeln: Aufregung im allierten Lager! Der Feind hatte Infanterie, darunter Kaisergarde und Artillerie, Kaiserjäger und Dragoner in Stellung gebracht.

In höchster Disziplin marschierten die Colloredos zum Schlachtfeld, rechts flankiert von der deutsch-russischen Legion und links von russischer Infanterie sowie Kürassieren.

Nachdem die Franzosen sich nicht aus der Reserve locken ließen und die eigenen Reihen ein ums andere Mal mit Artillerie drangsaliert wurden, entsann sich Major Rabenstein seiner List des Vortages und befahl wiederum zwei Grenadieren die Rolle von Plänklern zu übernehmen und mit einzelnen, gezielten Schüssen die gegnerische Reihe zu schikanieren.

In der Zwischenzeit jedoch hatten die französischen Dragoner die russischen Kürassiere überrannt und setzten zum Angriff auf die Infanterie an. Eiligst wurden Klumpen gebildet und die Dragoner attackierten unablässig die Colloredo-Grenadiere. Dem armen Rekruten Fritz wäre um ein Haar der Rücken entzwei geschlagen worden, hätte ihn nicht ein Tags zuvor ausgeliehener Tornister vor einem mächtigen Pallasch-Hieb geschützt!

Jetzt setzte sich die französische Infanterie in Marsch - Salve auf Salve setzte den eigenen Reihen mächtig zu. Corporal Schwab befahl einen letzten Angriff auf die Kaisergarde und ein sehr authentisch aussehender Sappeur wurde von einem Schuss gefällt. Als die Colloredos schließlich vor der Übermacht die Waffen strecken mussten, geschah ein bewegender Vorfall. Der graubärtige, wettergegerbte Sappeur lag immer noch regungslos am Boden, als aus den Reihen der Franzosen ein kleiner Tambour heraustrat und mit anklagendem Blick unserem Korporalen entgegenhielt: "Sie 'aben meine Großvater getötet!" Es war derselbe kleine Junge, der am Vorabend noch die Fidel für alle gespielt hatte!
 
                IMG_4475_kl03

In perfekter schauspielerischer Leistung hatte der Sappeur und der Junge somit einen denkwürdigen Augenblick geschaffen, der sich vor bald zweihundert Jahren so hätte zutragen können. Ein Glück für unseren Corporal, dass die Nachfahren der damaligen Kämpfer weitaus friedfertiger sind: Eine gemeinsame Parade vor vielen hundert Schlachtenbummlern beendete das Gefecht von Mormant.

Schnell wurden die Zelte abgebaut, die Kadaver gereinigt und die Fuhrwerke bestiegen: 1.300 Kilometer Rückreise waren die letzte Herausforderung.

Nach vielen Stunden Fahrt schließlich war die Heimat erreicht und man war sich einig, allein der rauschende Abend mit Musik, Tanz und Wein war schon die Reise wert...

Gehabt Euch wohl liebe Leute, Grüß Gott!

Christophorus Fritz, Companieschreiber bei den Colloredo Grenadieren

Zurück

Letzte Aktualisierung: 17.03.2011